“Ferien sind zum Ausruhen da!” Diesen Satz höre ich jedes Jahr. Und wissen Sie was? Er stimmt. Zumindest halb.
Ferien sollen Erholung bringen. Der Leistungsdruck darf Pause machen. Ausschlafen, Eis essen, baden, verreisen, faulenzen – unbedingt!
Jedoch hat Lernen nicht nur etwas mit Schulstress zu tun. Lernen bedeutet auch: Neues entdecken, Fertigkeiten anwenden und Erfahrungen sammeln. Genau deshalb bin ich kein Fan von der Frage: “Soll mein Kind in den Ferien lernen?” Die bessere Frage lautet: “Wie kann Lernen in den Ferien leicht und natürlich gelingen?”
Es gibt Ferien. Und es gibt Sommerferien.
Ein verlängertes Wochenende? Kein Problem. Eine Woche Semesterferien? Da darf das Gehirn ruhig entspannen.
Aber neun Wochen Sommerferien wie in Österreich? Das ist eine ganz andere Geschichte.
Denn: Unser Gehirn funktioniert nach dem Prinzip: Use it or lose it. Was wir nicht verwenden, baut es nach und nach wieder ab. Gedächtnis ist kein Regal, in dem Wissen einfach liegen bleibt. Es ist lebendige Gehirnstruktur. Wird sie nicht genutzt, wird sie schwächer.
Der Psychologe Hermann Ebbinghaus hat das bereits vor über 100 Jahren beschrieben. Seine Vergessenskurve zeigt: Bereits nach sechs Tagen ist ein großer Teil des neu Gelernten verschwunden (77% Verlust). Nach etwa einem Monat bleibt oft nur noch ein kleiner Rest übrig (15%).
Wer in den Ferien gar nichts macht, startet häufig mit mehr Stress ins neue Schuljahr. Dann müssen zuerst alte Inhalte wieder mühsam hervorgeholt werden, bevor Neues dazukommen kann. Das erhöht den Leistungsdruck – genau das, was wir eigentlich vermeiden wollten.
Deshalb stellt sich die Frage eigentlich gar nicht mehr: Wiederholen muss sein.
Lernen? Ja! Aber im Ligth-Modus!
Die gute Nachricht: Wiederholen muss nicht nach Schule aussehen.
Im Gegenteil. Gerade in den ersten Ferienwochen darf Lernen mitten im Alltag stattfinden.
FÜR VOLKSSCHÜLER
Lesen Sie täglich gemeinsam – fünf bis fünfzehn Minuten reichen völlig aus. Ob Erstlesebuch, Comic oder Tierbuch ist fast egal. Hauptsache, es wird gelesen.
Auch Rechnen versteckt sich überall. Kinder merken dabei oft gar nicht, dass sie lernen. Genau das macht Spaß:
- Beim Kuchenbacken Zutaten abwiegen.
- Gelbe Autos abzählen.
- Die Zaunlänge im Garten berechnen.
- Die Fläche der Wand zum Ausmalen herausfinden.
- Im Supermarkt Preise überschlagen.
- Beim Wandern Entfernungen schätzen, Schrittgröße vergleichen.
Erst in den letzten vier Ferienwochen empfehle ich ein Ferienheft oder Übungsblätter. So gewöhnt sich das Gehirn wieder an das schulische Arbeiten und der Schulstart fällt deutlich leichter.
FÜR TEENAGERS
Hier genügen oft etwa 30 Minuten täglich.
Hier wird gelesen, was wirklich interessiert: Krimi, Fantasy, Sport, Technik oder Liebesroman – alles zählt.
Fremdsprachen lassen sich wunderbar nebenbei trainieren:
- Serien in der Fremdsprache ansehen.
- Podcasts hören.
- Blogs lesen.
- Im Urlaub bewusst Englisch sprechen.
- Musiktexte verstehen.
Das fühlt sich selten wie Lernen an – wirkt aber erstaunlich gut.
Mathe für fünfzehn Minuten alle Drei Tage fest einplanen. Das ist DER Game Changer für den Schulstart im September! Auch Sudoku, Kreuzworträtsel, Black Stories, Kartenspiele oder Gesellschaftsspiele halten das Gehirn spielerisch mathe-fit ganz ohne Schulbank. Denn sie bringen das Gehirn dazu, anders zu denken.
Ferienzeit ist Mutzeit
Ferien sind nicht nur zum Wiederholen da. Sie sind auch die beste Zeit, Neues auszuprobieren. Ich empfehle Familien jedes Jahr: Schreiben Sie gleich zu Ferienbeginn gemeinsam eine Wunschliste. Zum Beispiel:
- ein neues Rezept kochen.
- einen Wald erkunden.
- Jonglieren lernen.
- einen Escape-Room besuchen.
- einen Vogel oder Sternenhimmel bestimmen.
- einen Flohmarkt organisieren.
- ein neues Gesellschaftspiel lernen.
Achtung Bildschirmzeit-Falle!
Mehr Freizeit bedeutet leider oft auch mehr Handy, Tablet, Computer und Fernsehen. Das Problem ist nicht nur die Bildschirmzeit selbst. Kinder bewegen sich weniger, die Augen arbeiten stundenlang fast immer auf dieselbe Entfernung und das Gehirn bekommt kaum abwechslungsreiche Reize.
Meine einfache Ferienregel lautet: Mindestens genauso viel Zeit draußen in Bewegung wie vor dem Bildschirm. Und zwar zusammengerechnet: Handy, Tablet, Computer und Fernseher.
Diese Regel verstehen Kinder erstaunlich gut – und Eltern übrigens auch.
Versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen!
Ein letzter Tipp, der oft Wunder wirkt: Machen Sie es verbindlich. Schließen Sie zu Ferienbeginn einen kleinen Vertrag mit Ihrem Kind. Nicht als Drohung, sondern als gemeinsame Vereinbarung. Kinder mögen Klarheit. Und wenn die Regeln vorher gemeinsam vereinbart werden, gibt es später deutlich weniger Diskussionen.
Zum Beispiel: Ich lese jeden Tag zehn Minuten. Ich rechne oder knobele zehn Minuten. Ich bewege mich täglich draußen – länger als ich am Bildschirm sitze.
Mein Fazit
Ferien sollen Erholung bringen. Daran gibt es nichts zu rütteln. Aber völlige Lernpause ist für das Gehirn ungefähr so sinnvoll wie neun Wochen nur auf dem Sofa zu liegen. Bewegung hält den Körper fit – regelmäßiges Wiederholen hält das Gehirn fit. Deshalb wünsche ich allen Familien keine lernfreien Ferien, sondern entspannte Ferien mit ganz viel Leben, Neugier und kleinen Lernmomenten. Denn genau diese Mischung sorgt dafür, dass der Schulstart später nicht zur Bruchlandung wird.



